Geschichte vom Bahnhof
Die Nebenstrecke Heiligenstadt-Schwebda-Eschwege sollte der wirtschaftlichen Erschließung des zurückgebliebenen südwestlichen Eichsfeldes dienen. Die Vorarbeiten zum Bau der Kleinbahn begannen 1911. Das relativ schwierige Profil der Strecke stellte große Anforderungen an die Trassierung der Eisenbahnlinie. Erhebliche Erdarbeiten in Form von Auf- und Abträgen sowie eine Anzahl Brücken und Überführungen waren erforderlich, um diese Strecke zu bauen. Die nicht aus Felsen bestehenden Bodenarten neigten wegen der in ihnen vorhandenen Tonschichten zu Rutschungen, was die Arbeiten erschwerte und verzögerte. Ostern 1912 begann der Bahnbau. In Kalteneber waren allein 2.000 Arbeiter untergebracht. Zwischen dem Pferdebachtal und Kalteneber, zwischen Fürstenhagen und Dieterode und zwischen Dieterode und Krombach lagen Zahnstangenabschnitte (zweiteilige Zahnstangen zwischen den Schienen) von zusammen 5 km. Die erheblichen Höhenunterschiede konnten damals nur durch den Einbau von Zahnstangenabschnitten und den Einsatz von Zahnradlokomotiven überwunden werden. Zur Anwendung kam das Abt'sche Zahnradsystem, das die Kombination von Reibungs- und Zahnstangenabschnitten erlaubte. Von Heiligenstadt aus (248 Meter über NN) steigt die Bahnstrecke ununterbrochen bis Fürstenhagen auf 491 Meter und fällt bis zum Anschluss an die Hauptbahn vor dem Bahnhof Schwebda bis auf 210 Meter über NN. Die Gesamtstrecke wurde am l .10.1914 dem Verkehr übergeben, jedoch ohne größere Feierlichkeiten, da inzwischen der l. Weltkrieg ausgebrochen war. Die Kosten des Bahnbaues betrugen 6.415.000 Mark. Die Freude in Fürstenhagen war groß, weil der kleine Ort jetzt einen Bahnhof besaß und eine Holzverladestelle für die Papierfabrik Lovis in Heiligenstadt.
Die zulässige Geschwindigkeit der Züge betrug 40 km/h. Auf den Abschnitten Pferdebachtal-Kalteneber, Fürstenhagen-Krombach nur 20 km/h. Die Weichenbedienung auf den Bahnhöfen erfolgte durch den Zugführer.
Zur Wasserversorgung der Dampflokomotiven wurde in Fürstenhagen ein Bahnwasserwerk errichtet. Das Bahnwasserwerk (ein 19 Meter hoher Turm) bestand aus einem viereckigen 25 m3 fassenden Wasserbehälter und einen Wasserkran. Das Bahnwasserwerk wurde am 20.1.1916 in Betrieb genommen. Das erforderliche Wasser wurde von der Wasserleitung Fürstenhagen durch eine Abzweigung der Druckleitung zum 20 Meter höher liegenden Bahnwasserbehälter bereitgestellt. Im Jahre 1920 wurden die Zahnstangenabschnitte zwischen dem Pferdebachtal und Krombach ausgebaut. Durch den Einsatz stärkerer Lokomotiven der Baureihe T 16 war es möglich, die gesamte Strecke als Reibungsbahn zu betreiben. Die "Bimmelbahn" besaß eine Vollspur (Normalspur 1455 mm). In den Jahren 1926/27 wurden die Bahnhöfe an das örtliche Stromnetz, angeschlossen und bekamen elektrische Anlagen. Die Öl- bzw. Petroleumbeleuchtung wurde abgeschafft.
Die Bahnlinie Heiligenstadt-Schwebda konnte im Oktober 1939, zu Beginn des 2. Weltkrieges, auf ihr 25-jähriges Bestehen zurückblicken. Der Zugverkehr war relativ dürftig, 1914 verkehrten 3 Zugpaare. 1929 täglich 3 Zugpaare und werktags zusätzlich ein Zugpaar zwischen Ershausen und Eschwege. Zwischen Großtöpfer und Schwebda benutzte die Strecke den Frieda-Tunnel und den Frieda-Viadukt gemeinsam mit der Strecke Leinefelde-Geismar-Schwebda, jedoch auf einem eigenen Gleis. Die Benutzung des Frieda-Tunnels (1066 m lang, 1876-78 gebaut, 1989 verfüllt) und des Frieda-Viadukts auf einem separaten Gleis war möglich, weil die "Kanonenbahn" ursprünglich zweigleisig gebaut worden war.1944 verkehrten werktags 3 Zugpaare und ein weiteres zwischen Ershausen und Eschwege, sonntags nur ein Zugpaar. Am 9.11.1944 griff ein amerikanischer Tiefflieger einen Personenzug zwischen Ershausen und Krombach an. Bei dem Beschuss wurden 10 Reisende und der Lokomotivführer getötet und etwa 30 Personen zum Teil schwer verletzt. Am 2.4.1945 sprengte die deutsche Wehrmacht den Frieda-Viadukt. Von diesem Tag an blieb die Strecke unterbrochen und außer Betrieb. Bei Kriegshandlungen wurde am Weißen Sonntag 1945 der Bahnhof Fürstenhagen durch amerikanischen Beschuss beschädigt. Die ab 1.7.1945 in der Sowjetischen Besatzungszone liegende Reststrecke Heiligenstadt-Großtöpfer kam zur Reichsbahndirektion Erfurt. Auf Drängen der sowjetischen Kreiskommandantur in Heiligenstadt wurde auf der Reststrecke am 23.7.1945 der Zugbetrieb wieder aufgenommen. Ab 1946 bis zur Betriebseinstellung verkehrten täglich 2 Zugpaare zwischen Heiligenstadt und Großtöpfer.
Auf Anordnung der Sowjetischen Militäradministration wurde im Juni/Juli 1947 mit dem Rückbau der Strecke zwischen Heiligenstadt (Papierfabrik) und Großtöpfer begonnen Die Reststrecke vom Bahnhof in Heiligenstadt bis zur .Papierfabrik blieb für den Güterverkehr erhalten. Erst Jahre später wurden die Schwellen (in den Bahnhöfen Holzschwellen und auf freier Strecke Eisenschwellen), die Nebengleise in den engen Kurven und zum Teil der Schotter entfernt. Ein Großteil der tiefen Einschnitte wurden mit Bauschutt und Müll aufgefüllt und Brücken sowie Teile des Bahndammes beseitigt. Die noch vorhandenen zusammenhängenden Reststrecken des ehemaligen "Bimmelbähnchens" dienen jetzt als Feldwege für die Landwirtschaft und sind auch als idyllische Wanderwege zu empfehlen. Im Jahre 1971 wurde die Besetzung des Ost-Bahnhofs in Heiligenstadt aufgehoben. Etwa 30 Eisenbahnfreunde haben hier seit 1983 ihr Domizil aufgeschlagen. Bereits 1978 wurde die Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Modelleisenbahn Verbandes gegründet und am 1.1.1991 der Heiligenstädter Eisenbahnverein e.V.. Zum Fahrzeugpark gehören heute u.a. eine Dampflokomotive T 16, wie sie auf der Kleinbahnstrecke verkehrten, eine Diesellok VI 0 und V 60 sowie ein Rottenwagen, Packwagen, Bahnpostwagen und Büfettwagen. Nach der Wende 1989/90 wurde auch der Gleisanschluss zur Papierfabrik stillgelegt. Somit ist ein Stück Eisenbahngeschichte auf dem Eichsfeld endgültig zu Ende. Der Bahnhof Fürstenhagen wurde von der Reichsbahn seit der Stillegung 1947 bis 1970 als Wohnung vermietet. Der ehemalige Wasserturm wurde dem Verfall preisgegeben. Von 1972 bis zum l .7.1990 wurde das Bahnhofsgebäude als Schulungszentrum für die Landwirtschaft vom Agro-Chemischen Zentrum (ACZ) Heiligenstadt genutzt. Als Angestellte war Rita Kulle hier tätig. Im Jahre 1991 wurde der Bahnhof vom Land Thüringen gekauft. Am 1.11.1992 zog die Verwaltung des Naturparks "Eichsfeld-Hainich-Werratal" in das Gebäude ein. Das Gelände des ehemaligen Bahnhofs Fürstenhagen wurde 1995 aus der Gemarkung Dieterode herausgelöst und der Gemeinde Lutter übertragen. Für die Gemeinde Lutter/Fürstenhagen kann es sehr vorteilhaft sein, dass die Naturparkverwaltung ihren Sitz hier gefunden hat, zumal der Natur- und Umweltschutz und auch der Tourismus in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird.